Waahnsinn | 5-Inch | 2007 | 5099951181826 | EU | Digital Remaster

Cover

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EAN-Code

5099951181826

Matrix

CD 1 | 5118192 @ 1
CD 2 | 5118202 @ 1

Plattenfirma

EMI Electrola GmbH

Booklet

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"DIE GEBURT EINER MASSENBEWEGUNG." - DABEIGEWESENE BLICKEN ZURÜCK

Noch 20 Jahre später ist das "5. Anti-WAAhnsinns-Festival" - das am 26. und 27. Juli 1986 vor rund 120.000 Zuschauern in Burglengenfeld/Oberpfalz stattfand - das zweitgrößte deutsche Rock-Konzert aller Zeiten. Ein Gipfeltreffen der damaligen Szene, organisiert von Mitarbeitern des örtlichen Jugendzentrums, ein Protest- und Benefiz-Festival gegen die Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll, die damals im benachbarten Wackersdorf gebaut wurde. Die Beteiligten erinnern sich an einen Höhenpunkt der Pop- und Protestkultur der achtziger Jahre.

Wolfgang Niedecken (BAP): Im Juni 1982 haben wir vor 300.000 Menschen auf den Bonner Rheinwiesen gespielt, bei der Demonstration gegen den Nato-Doppelbeschluss. Ich bin von dem Konzert nach Hause gekommen und hab diesen Text geschrieben, der zu dem Stück "Zehnter Juni" wurde: "Plant mich bloß nicht bei euch ein ..." Weil ich überwältigt war von dem Willen all dieser Menschen, sich gegen eine politische Entwicklung zu stellen, die sie für sehr gefährlich hielten.

Hans-Jürgen Buchner (Haindling): Ich habe Freunde, die Anfang der Achtziger in Wackersdorf in den Hüttendörfern gewohnt haben, die die WAA-Gegner auf dem Bauplatz errichtet hatten. Einmal waren wir selbst am Bauzaun und sind von den Wasserwerfern besprüht worden. Wir waren entsetzt. Da waren ja auch alte Leute dabei, und die Polizei hat keinerlei Rücksicht genommen.

Arthur Theisinger (Festival-Organisator): Der Widerstand hat nicht nur unter jungen Leuten und in der linken Szene stattgefunden. Die Opas und Omas haben den Autonomen wirklich im Rucksack die Steine an den Zaun getragen.

Wolfgang Niedecken: Man darf nie vergessen: Im April 1986 war Tschernobyl passiert. Wäre das nicht passiert, wäre das Wackersdorf-Festival nie in der Größenordnung gelaufen. Das hat die Leute wirklich wachgerüttelt. Da wurde aus dem Anti-Atomkraft-Protest eine Massenbewegung.

Walter Dürr (Organisator): Im Stadtrat haben sie Fotos von brennenden Autos und Molotow-Cocktail-werfenden Vermummten herumgezeigt. Als der Rat trotzdem für das Festival gestimmt hat, hat der Bürgermeister den Beschluss auf Weisung der Oberpfälzer Regierung wieder aufgehoben. Als er nach der Sitzung rausgefahren ist, haben die Leute ihm mit den Füßen gegen das Auto getreten vor Wut.

Wolf Maahn: Das Festival und der Protest waren nicht die Kopfgeburt irgendeiner politischen Gruppe, es kam mitten aus dem Volk, aus all diesen Dörfern.

Christian Wagner (Booker, Regisseur der Festival-Doku): In Wahrheit gab es damals in Deutschland keinen großen Zusammenhalt in der Szene. Das hat ein Jahr vorher schon der Beitrag zu dieser "Live Aid"-Geschichte gezeigt - da hatte man schon gemerkt, dass die Interessen der Künstler wahnsinnig divers waren. Es gab noch jede Menge Futterneid.

Heinz Rudolf Kunze: Es gab damals eine Art Sogwirkung, wenn solche Anlässe kamen. Da waren bestimmte übliche Verdächtige immer gern dabei. Ich hätte wahrscheinlich auch mitgemacht, ehrlich gesagt weniger wegen des Anlasses, sondern weil ich damals gern mit Kollegen zu solchen Gelegenheiten gespielt habe. Meine Meinung zur Atomenergie ist eine sehr ratlose.

Christian Wagner: Den Film mussten wir komplett selbst finanzieren. Alle Rundfunkanstalten, die ein bisschen Geld oder einen Sendeplatz hätten bereitstellen können, haben sich weggeduckt. Denen war das zu heiß.

Hans-Jürgen Buchner: Ich erinnere mich an die riesige Autoschlange, die die ganze Zufahrtsstraße beherrscht hat, wegen der Polizeikontrollen. Wir sind ja im Privatauto gekommen. Wir haben zu den Polizisten gesagt, dass wir Musiker sind und zum Auftritt müssen. Als die im Kofferraum die Instrumente gesehen haben, haben sie uns durchgewunken.

Renate Reichel (Organisatorin): Als der Streit mit der Regierung um das Festival losging, da sind wir wirklich in der Tagesschau um 20 Uhr an erster Stelle gekommen. Das war natürlich eine bombastische Werbung.

Arthur Theisinger: Einige Leute, die den Zaun noch nie gesehen hatten, sind zwischendurch die 20 Kilometer nach Wackersdorf gefahren und haben sich den angeschaut. Aber wir haben die ja rund um die Uhr mit Musik bedient, sodass die eigentlich gar keine Zeit hatten. Wir haben bewusst nicht dazu aufgerufen, zum Zaun zu gehen.

Campino (Die Toten Hosen): Wir haben damals schon Schwierigkeiten gehabt mit diesen Rockleuten. Wir hatten mit den bands bisher nichts zu tun gehabt und fanden die auch alle scheiße. Aber es gab bei diesem Festival das erste Mal eine Sache, für die gemeinsam gekämpft wurde. Das war zum Beispiel das erste Mal, dass ich ein längeres Gespräch mit Herbert Grönemeyer geführt habe. Die Musik von ihm hat mir damals nichts gebracht, aber plötzlich hab ich gesehen: Der Typ ist okay!

Wolf Maahn: Die Querelen im Vorfeld, unter anderem wegen des Plakats, waren wie weggeblasen. Es herrschte Solidarität unter den Künstlern, die ich so nicht wieder erlebt habe. Wir standen da auf der Bühne vor einer unfassbaren Menschenmenge. Und ich dachte: Da bewegt sich wirklich was, mehr als wir gerade sehen.

Christian Wagner: Die tollste Szene war für mich das "Somewhere Over The Rainbow" von Rio. Das war spontan, das wusste vorher keiner. Ich hatte das Gefühl, dass die ganze Stimmung des Festivals in diesem Song zusammengefasst war. Er hat dann zu mir gesagt: "Das war so schrecklich, meine Stimme ist völlig kaputt, ich singe falsch ..." Und ich: "Rio, das müssen wir im Film zeigen, das ist einfach der emotionale Höhepunkt."

Campino: irgendwas hat damals gepasst: der Soundtrack zu sein für viele Leute, die in diesem Moment zusammen losgehen. Das war ja ein Statement, wenn du plötzlich 100.000 Leute gegen diese Wiederaufbereitungsanlage versammelt hast oder gegen Ausländerhass. Aber schon beim dritten, vierten Festival hieß es dann: Aha, jetzt wollen die Musiker wieder was Gutes tun! Als sich diese Haltung durchgesetzt hat, haben die Musiker natürlich gesagt: Bevor wir uns so eine Scheiß-Kritik zuziehen, lassen wir's lieber sein.

Heinz Rudolf Kunze: Im Rückblick muss man doch sagen: Es war auch ein bisschen Don-Quichotte-mäßig, was wir alles getan haben. Im Grunde haben wir in vielen Dingen Unrecht behalten.

Walter Dürr: Als der Bau der WAA gestoppt wurde, hat BMW das Gelände übernommen. Am Anfang hab ich da gearbeitet, das war eine komische Situation. Der Wachdienst, das waren teilweise noch dieselben Leute, mit denen ich bei den Sonntags-Demonstrationen immer gestritten hatte.

Wolf Maahn: In den Neunziger wurde es in Deutschland extrem uncool, Solidaritätskonzerte zu spielen. So was machten doch nur Gutmenschen mit Betroffenheitsfimmel. Irgendwie denkt man heute doch: Geile Musik, den Rest macht der Bono schon!

Wolfgang Niedecken: Wenn heute etwas passieren würde, glaub ich schon, dass wir's wieder hinkriegen würden. Die jungen Acts, die heute dran wären, sind ja nicht unpolitisch. Aber Wackersdorf ist keine Blaupause für eine Veranstaltung, die heute stattfinden würde. Die Entwicklung der Kultur verhält sich wie eine Wendeltreppe: Es findet zwar alles immer wieder statt, aber immer auf einer anderen Ebene.

Protokoll: Joachim Hentschel

STELLVERTRETEND FÜR ALLE IN BURGLENGENFELD GEHALTENEN REDEN NACHFOLGEND DIE REDE VON GÜNTER WALLRAFF (26.7.86, Burglengenfeld)

Liebe Freunde,

lange Zeit schien es eine Glaubenssache, ob man die atomare Gefahr ernst nahm oder nicht. Inzwischen wissen wir, ob wir es glauben wollen oder nicht: Letztlich müssen wir alle dran glauben.

Spätestens seit dem Super-GAU von Tschernobyl ist diese unsichtbare Gefahr sichtbar geworden, selbst für diejenigen, die hierzulande durch BILD und durch Verharmlosungssprüche der Herrschenden, der Atommafia, uninformiert gehalten worden sind. Gerade der Versuch, die Bevölkerung durch Nicht-Information, durch Informationsverbote zu "entsorgen", hat dazu geführt, dass das Misstrauen in die offiziellen Verlautbarungen aus Bonn und München größer geworden ist denn je.

Was an Informationspolitik nach der Reaktorkatastrophe geleistet wurde, hält Vergleichen mit totalitären Staaten stand. Während zunächst keine, dann nur spärliche Daten über die Radioaktivität in der Luft veröffentlicht wurden, während nach nur wenigen Tagen "Entwarnung" gegeben wurde, obwohl Messwerte nach wie vor auf gefährlich hohe radioaktive Verseuchung hinwiesen, wurden zum Beispiel die Soldaten der britischen Rheinarmee über ihren Sender hinreichend aufgeklärt.

Die Luftwerte liegen wieder normal, verbreitete die bundesdeutsche Strahlenschutzkommission. Dann waren für sie die Werte von Jod 131 in der MIlch wieder unnormal. UNd so weiter und so fort. Eine fortwährende "Normalisierung" wurde so im Mai diesen Jahres verkündet.

Was heißt normal? Normal ist, wer robust genug ist, voll belastbar im Arbeitsprozess zu sein. Das werdende Leben, Säuglinge, anfällige, kranke und alte Menschen, die in dieser Hinsicht nicht normal sind, fallen aus dieser Rechnung heraus und zählen nicht. Die Normwerte für radioaktive Belastbarkeit, die in den diversen Kommissionen beschlossen werden, richten sich nicht danach, was gesundheitlich verträglich ist, der Gesundheit nicht schade; sie richten sich allein danach, ob Atomreaktoren, mit denen inzwischen die dicht besiedelten Gebiete Europas zugepflastert sind, als akzeptabel hingestellt werden können.

Um es klar und deutlich zu sagen: Die Grenzwerte für die radioaktive Belastbarkeit dienen einzig und allein dazu, Atomreaktoren als - letzte der mörderischen Profitmaschinerie beibehalten zu können.

In den 70er Jahren wurden von der Atomlobby blumige Wendungen wie "Entsorgungen", "Entsorgungspark", "Kernkraftwerk" und "Endlagerung" ausgebrütet. Bei Halbwertzeiten von 24.000 Jahren für Plutonium zum Beispiel oder gar 17 Millionen Jahren für Jod 129 von "Endlagern" zu sprechen, ist mehr als vermessen. "Endlagerung" - das hört sich an, als sei damit alles zu Ende und bewältigt - Schluss - aus. Es klingt fast wie "Endsieg". Um das Wort "Atom" zu vermeiden, ist man auf das Wort "Kernkraftwerk" gekommen, das erinnert an friedliche Obstkerne, aber nicht an die Möglichkeit einer weiträumigen Verseuchung.

Tschernobyl spätestens hat deutlich gemacht, dass sich hier niemand entziehen kann. Jeden trifft es, letztlich kann keiner entkommen.

Holger Strohm hat errechnet, dass im detonierten Reaktorblock von Tschernobyl Radioaktivität in der Größenordnung von ca. 150 explodierten Hiroshima-Bomben freigesetzt wurde. Strohm schätzt, dass deutsche Reaktoren wesentlich mehr Radioaktivität freisetzen würden bei einem vergleichbaren Super-GAU. Man braucht wohl kaum Fantasie, wenn das AKW Stade in die Luft ginge, in so kurzer Entfernung zur MIllionenstadt Hamburg. Während vor nicht allzu langer Zeit noch Verharmlosungen wie "Entsorgung" verfingen - da wird an elterliche Sorge, staatliche Fürsorge und Versorgung appelliert.

Auch Arbeiter werden so nach offizieller Sprachregelung nicht entlassen oder gefeuert, sondern schlicht "freigesetzt" - wir werden aller Sorgen ledig - halten sich die Beschwichtiger, Verharmloser und Ignoranten inzwischen auffallend zurück mit ihren DUmmen-Fang-Sprüchen. So wäre auch der im Mai 1983 gefallene Ausdruck des Strauß-Gefolgsmannes Löwenthal im ZDF-Magazin heute selbst für die schlechteste Kabarett-Nummer nicht mehr tragbar: "Radioaktivität ist natürlich wie Luft und Wasser, wir alle strahlen Radioaktivität aus; so ist es vergleichsweise gefährlicher, an einer Versammlung von Atomkraftgegnern teilzunehmen, als neben einem Kernkraftwerk zu wohnen." (08.05.83)

Ähnlich der Ministerpräsident Strahlemann Albrecht in seiner Fernsehansprache vor Tschernobyl: "Wir alle wissen aus Erfahrung, dass ein mächtiger Genuss von Alkohol gesundheitsgefährdend ist. Dennoch sagen auch hier die Ärzte, dass jeder Genuss von Alkohol unser Leben belastet. Ähnlich verhält es sich mit der Radioaktivität."

Auf Strauß mag dies sogar zutreffen. Altersbedingt dürfte er eher an den Folgen seines Alkoholkonsums als an den Spätfolgen von Verstrahlung zugrunde gehen.

Auf erste Paralysierungserscheinungen weist ein Ausspruch wie folgender hin - hier in Weiden losgelassen (O-Tn: F. J. Strauß): Die WAA ist nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik", was die gleiche Aussagequalität hat wie: "Eine Atombombe ist auch nicht schlimmer als ein Knallfrosch in der Silvesternacht ..."

Und noch zu diesem Thema: Versuche, ausgerechnet hier in Bayern, wo Bier doch fast zu den Grundnahrungsmitteln zählt, durch ein Alkoholverbot die hier versammelten Bürgerinitiativen als unkontrollierte Alkoholiker zu diffamieren, sind schon ganz nett unverfroren. Wer wie ich als Türke Ali in der Passauer Nibelungenhalle erlebt hat, als dort die Strauß-Riege ihren alljährlichen politischen Aschermittwoch beging, wie der harte Kern der Strauß-Fans das stundenlange Warten durch literweises Hineinschütten von Bier überbrückte und sich bis zur Besinnungslosigkeit um den Verstand soff, der fragt sich, wenn überhaupt ein Verbot sinnvoll sein soll, dann doch wohl am ehesten dort.

Die Wiederaufbereitungsanlage ist ein wichtiges Glied im sogenannten Plutonium-Kreislauf, wozu auch der schnelle Brüter gehört. Plutonium wurde auch im zerstörten Reaktorblock von Tschernobyl produziert, dort für sowjetische Atombomben. Es ist also von daher anzunehmen, dass freigesetzte Plutoniumpartikel auch über der Bundesrepublik niedergegangen sind. Allerdings hat man - und das nicht nur wegen der sehr schwierigen Messbarkeit dieses Nuklids - kaum Messwerte vorliegen.

Wenn in Wackersdorf verbrauchte Brennelemente "wiederaufgearbeitet" werden, dann muss davon ausgegangen werden, dass allein mit der Abluft genügend Plutoniumpartikel in die Atmosphäre geraten, um die Krebsrate sprunghaft ansteigen zu lassen.

Manfred Bissinger hat schon sehr früh in der Zeitschrift "natur" vor der WAA gewarnt und ihre Gefährlichkeit nachhaltig ins Bewusstsein gebracht. Allein der Bau wird nach Schätzungen des Freiburger Öko-Instituts voraussichtlich 12 Milliarden Mark verschlingen. Die offiziell verbreiteten Zahlen sind natürlich weit niedriger angegeben. Aber auch das MIlliardengrab in Kalkar - der "Schnelle Brüter" sollte ursprünglich "nur" 310 Millionen kosten- und sieben Milliarden waren es am Ende.

Für den gigantischen Betonsarg in Wackersdorf, dieses Produkt vermessener, von der Atomindustrie abhängiger Idioten und Zauberlehrlinge, könnten beispielsweise Entschwefelungsanlagen für Kohlekraftwerke hierzulande entwickelt und gebaut werden - man brauchte sie nicht mehr in Japan und den USA zu kaufen. Es könnten Programme zur Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit bereitgestellt werden - oder Hilfen für die Landwirtschaft, zur Förderung gesünderer Nahrungsmittel anstelle der zur Zeit totgedüngten.

Wenn die WAA wie geplant ab 1995 in Betrieb geht, dann belastet sie die Umwelt mit Radioaktivität in einer Größenordnung, die zwölf Atomkraftwerken entspricht.

In den USA wäre die Anlage, wie sie hier technisch angelegt ist, seit 1993 gar nicht mehr genehmigungsfähig. Für die als hoch aktiv und giftig geltenden Radioisotope Tritium, Kohlenstoff 14, Strontium 90 (ein Nuklid, das unter anderem zum vermehrten Auftreten von Leukämie beiträgt) sowie Plutonium 238 sollen eigens die Strahlenschutzbestimmungen gesetzlich geändert werden. Auch hier wird deutlich, dass die Festsetzung der Grenzwerte wirtschaftlichen Erwägungen folgt. Gesund ist, was einen gesunden Profit abwirft.

Späteren Generationen wird Strauß, der ja immerhin seinem niedersächsischen Fürstenkollegen das in Niedersachsen politisch nicht durchsetzbare WAA-Projekt abgenommen hat, als einer der letzten Vertreter des ausgehenden Staatsfeudalismus, als "Ein-Mann-Demokratie", in Erinnerung bleiben, als pompöse Null und als Freund oder Schirmherr der letzten klassischen bluttriefenden Mördergenerale und Diktatoren dieser Welt, von Salazar, Franco, Pinochet bis zu den Killern des südafrikanischen Herrenmenschensystems.

Und falls es dann noch Geschichtsbücher geben sollte, wird das sogenannte ATOMZEITALTER in den Ohren klingen wie heute Faustrecht, Steinzeit, Neandertaler oder Massenvernichtung. Die von der Atomlobby verbreiteten Plaketten "STEINZEIT - NEIN DANKE" sind bereits nicht mehr im Umlauf, so weit hat sich's selbst bei den größten Ignoranten herumgesprochen. Aufgrund der jüngsten Erfahrungen müssten sie nun ehrlicherweise neue verbreiten lassen mit der Parole "STEINZEIT - JA BITTE!"

Immer dann, wenn die jeweils Herrschenden, ob hier im Westen oder im Osten, ihre Machtinteressen gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung durchsetzen wollen, dann sprechen sie von "inneren Angelegenheiten" und verbitten sich jede Einmischung. So wie jetzt Strauß in einem Brief an den österreichischen Staatspräsidenten. Den Wunsch der Österreicher, die WAA Wackersdorf noch einmal zu überdenken, beantwortet er mit der arroganten Formulierung, "die österreichischen Forderungen stellen allmählich eine Zumutung dar".

Diese machtlüsterne, scheinheilige und neofeudale Kleinstaaterei hat doch in WIrklichkeit - machen wir uns nichts vor - längst ausgeschissen. Sorgen wir dafür, dass die Grenzen nicht nur für Wirtschaftsgüter durchlässig und abgebaut werden und in Zukunft ganz fallen! Erst recht hat dies zu gelten, wenn es um Menschenrechte, um Gesundheit und Leben von unzähligen Betroffenen jenseits und diesseits der jeweiligen Grenzfestlegungen und Machtinteressen geht. Radioaktive Wolken halten sich schließlich auch nicht an solche nationalen Demarkationslinien, wie wir gerade eben erleben mussten.

Der nationale Dünkel, den wir gerade von den staatstragenden Kräften dieses Freistaats zunehmend zu spüren bekommen, wo es heißt: die Grenzen dichtmachen, wenn es um Menschen geht, die aus einem Nachbarland kritische Gedanken in den eigenen Provinzmief bringen - das sollten wir beantworten und auch noch einen Schritt weiter gehen und das für Ferienreisende allenthalben sichtbar machen mit Schildern und Aufklebern, die wir zur Verdeutlichung auf die offiziellen Grenzpfähle und dem bayerischen Löwen in die Krallen legen mit der Aufschrift: "VORSICHT! Polizei-Freistaat! Sie verlassen den demokratischen Sektor der Bundesrepublik Deutschland"

Strauß und mit ihm die DWK, die deutsche Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen, diese Gesellschaft mit beschränkter Haftung - wollten auf zynische Weise die Bodenständigkeit und Gottesfürchtigkeit der Oberpfälzer Bevölkerung ausnutzen, im Glauben, hier die WAA am leichtesten durchzusetzen. Das Gegenteil haben sie erreicht. Nach einer Umfrage der DWK sind inzwischen nur noch 14,7 Prozent der Bevölkerung für eine WAA. 55 Prozent sind eindeutig dagegen.

In einem größeren Zusammenhang versuchen die herrschenden Atommafiosis die Demonstranten zu spalten, und solche, die sie als gewalttätig hinstellen, was sie mit immer neuen Fernsehbildern, die wie auf Bestellung gedreht wirken, zu beweisen versuchen. Mittlerweile geht das so weit, dass nicht mehr die Rede ist von den Gefahren der Atomkraftwerke, sondern von den Gefahren, die von sogenannten Demonstrationsstraftätern ausgeht.

Damit die paramilitärische Ausstattung und Organisierung der Polizei politisch durchsetzbar wird, braucht man die sogenannten "Gewalttäter"! Sie werden ebenso verschont von den sonst allenthalben erkennungsdienstlichen Maßnahmen wie die eigenen V-Leute, die buchstäblich an die Front geschickt werden, um das Geschäft der Provokation zu betreiben. Dass auch in Wackersdorf beamtete, zumindest bezahlte Provokateure dabei waren und sind, dürfte kaum anzuzweifeln sein - nach den Erfahrungen von Celle, München und anderswo.

Auch heute sind wieder - mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit - Provokateure entsprechender DIenste unter uns, die unsere friedliche Demonstration, die Überzeugungskraft unseres Kampfes in Scheingefechten mit Polizisten unglaubwürdig machen wollen. Ich habe hier eben ein Plakat gelesen mit der Aufschrift: "Herr Hillermeier, nicht schießen, der Demonstrant könnte Ihr V-Mann sein"

Wir werden nicht zulassen, dass die hierher kommandierten Bereitschaftspolizisten als Sündenböcke für die Großmachtpolitik der eigentlich Verantwortlichen ihren Kopf hinhalten sollen!

Strauß verfällt immer dann, wenn die Kirche ihren sozialen Aufgaben und Verantwortlichkeiten gerecht wird, sei es in Südafrika oder aktuell im eigenen Land, in anti-christliche Diffamierungen und Schmähreden - wie zum Beispiel auf dem kleinen CSU-Parteitag in Würzburg im März, wo er meinte, Pfarrer, die zu Ostern auf dem WAA-Gelände Gottesdienste abhielten, betrieben "das Werk des Teufels". Man fühlt sich bei solch selbstherrlichen, größenwahnsinnigen Anmaßungen an ein Sprichwort aus den Zeiten der deutschen Bauernkriege erinnert: "Die Herren machen das selber, dass der arme Mann ihr Feind wird."

Oder wie es ein hier ortsansässiger Bürger ausdrückte: "Aber wenn der Oberpfälzer mal narrisch wird - und der Zeitpunkt ist jetzt gekommen -, wenn er narrisch wird, dann wird er gescheit narrisch. Der Widerstand, der wächst!

WARUM DER GANZE (Anti-)WAAHNSINN? - DIE WAA- DAS FESTIVAL - DAS DOKUMENT

Die WAA

... das steht für die Wiederaufbereitungsanlage; in ihr sollen die von AKWs verbrauchten Brennelemente vor ihrer Endlagerung nochmals aufbereitet werden. Die WAA soll die Atomenergie "wirtschaftlicher" und "sicherer" machen. Das Gegenteil ist der Fall.

  • in der WAA gewonnenes Uran ist ca. 50-mal so teuer wie Natur-Uran;
  • bei der Aufbereitung fällt Plutonium an; das ist "der Stoff, aus dem die Bomben sind";
  • die Wackersdorf WAA wird eine Belastung der Umwelt bringen, die der 12 AKWs entspricht. Es wird kein Atommüll beseitigt, sondern neuer entsteht.

DIE WAA ist ein großer technischer Bluff. Sie zwingt zu einer bedingungslosen Kernkraftpolitik ohne Rücksicht auf die Gefahren für Mensch und Umwelt.
Tschernobyl war vor nicht einmal 100 Tagen!

Schon jetzt hat die WAA unermesslichen Schaden angerichtet: Millionen von Bäumen fielen dem Bauplatz zum Opfer, die Struktur einer Landschaft wurde einer Großtechnologie geopfert, die von der Mehrheit der Menschen in dieser Region nicht gewollt wurde. Ihr Recht auf Widerstand wird von der Staatsregierung mit Füßen getreten. Politiker versuchen, Recht zu beugen und jene zu Kriminellen zu stempeln, die ihre berechtigten Interessen vertreten. Tausende von Bürgern wurden verhaftet, viele von ihnen werden angeklagt für einen Widerstand, der auf der anderen Seite des Zaunes oft verstanden wird.

DAS FEST

Und was für eins! Es war das definitiv größte der deutschen Rockgeschichte. 100.000 Besucher, 1300 freiwillige Helfer, über 600 Journalisten aus 10 Ländern und ca. 600 Musiker, Techniker und andere Aktive hinter der Bühne. 48 Stunden war der Lanzenanger in Burglengenfeld der Mittelpunkt der Republik.

In nur drei Monaten war es, trotz aller Störversuche der Landesregierung, gelungen, das 5. Anti-WAAhnsinns-Festival auf die Beine zu stellen. Dies wäre nicht möglich gewesen ohne die breite Unterstützung der Bevölkerung der Oberpfalz.

Ein Ziel des Festivals war es, dem Protest gegen die WAA größere Öffentlichkeit zu verschaffen. Eine Öffentlichkeit, die sich nicht in der "Bürgerkriegs"-Berichterstattung der Landesregierung erschöpft. Das Fest litt nicht unter dem "Zwang" zur Friedlichkeit, der "Unfriede" wurde von ihm nicht in die Oberpfalz gebracht. Das Festival hat Mut gemacht.

DAS DOKUMENT

21 Künstler und Gruppen haben am 26./27.07.86 in Burglengenfeld 28 Stunden Programm gestaltet. Sie sind ohne Gagen aufgetreten, haben ihre Kreativität dem Protest gegen die WAA zur Verfügung gestellt. Dies alles wurde in Ton und Bild festgehalten. Die Erlöse aus dem Verkauf der "WAAhnsinns"-Platte werden dem Widerstand gegen die WAA unmittelbar zufließen.

Neben Zuteilungen für die Bürgerinitiativen, Prozesskosten und ein Ökohaus in der Oberpfalz werden 10 Prozent der Einnahmen für das 6. WAAhnsinns-Festival zurückgestellt. Hoffen wir, dass dies nicht mehr stattfinden muss.

Künstler gegen WAAhnsinn

Tracklist

1-1 | Heute Nacht haben sie die Engel umgebracht | Uli Hundt und der Wahnsinn | 4:55
1-2 | Herz As | Die Firma | 3:52
1-3 | Me And You | Chris McGregor | 3:06
1-4 | Saviour | Kevin Coyne | 4:46
1-5 | Blues | Frankfurter Kurorchester | 4:57
1-6 | Draissg Kilomedta / Schwarzer Mann | Haindling | 5:35
1-7 | Wenn die Welt zusammenbricht | Purple Schulz | 4:27
1-8 | Für immer jung | Wolfgang Abros & No 1 | 4:17
1-9 | Tschernobyl | Wolf Maahn & Unterstützung | M. + T.: Wolf Maahn | 8:35
1-10 | Nemm mich met | BAP | 6:40
1-11 | Like A Rolling Stone | Wolfgang Ambros, Wolfgang Niedecken, Anne Haigis, Kevin Coyne | 6:26
2-1 | Sie brauchen keinen Führer | Udo Lindenberg | 5:35
2-2 | Deserteure | Allstars | 5:20
2-3 | Großalarm | Die Toten Hosen | 3:30
2-4 | Hans | Theatre Du Pain | 3:00
2-5 | Make Money | MO | 4:30
2-6 | Tschüß Bayernland | Biermösl Blosn | 2:54
2-7 | Zero Zero | Fritz Brause | 4:51
2-8 | Greatest Love Of All | Anne Haigis | 5:01
2-9 | Volle Lotte | Rodgau Monotones | 3:32
2-10 | Angst | Herbert Grönemeyer | 3:57
2-11 | Sag mir, wo die Blumen sind | Rio Reiser, Marian Gold, Allstars | 5:42
2-12 | Alles Lüge | Rio Reiser, Herwig Mitteregger, Allstars | 4:34
2-13 | Over The Rainbow | Rio Reiser | 4:11

Besetzung | Line Up

Allstars | Samstag | 26. Juli 1986

Tschernobyl:
Marian Gold
Hebert Grönemeyer
Anne Haigis
Axel Heilhecker
Herwig Mitteregger
Wolfgang Niedecken
Purple Schulz

Deserteure
Jürgen Buchner
Alexander "Effendi" Büchel
Wolli Fedde
Axel Heilhecker
Frank Hocker
Gerd Köster
Udo Lindenberg
Wolf Maahn
Wolfgang Niedecken
Axel Risch
Gerd Sagemüller
Purple Schulz

Like A Rolling Stone
Wolfgang Ambros
Manfred Boecker
Alexander "Effendi" Büchel
Kevin Coyne
Anne Haigis
Klaus "Major" Heuser
Pete King
Wolfgang Niedecken
Christian Schneider

Allstars | Sonntag | 27. Juli 1986

Mob Böttcher
Campino
Dieter Exter
Hans Fritzsche
Marian Gold
Herbert Grönemeyer
Anne Haigis
Norbert Hamm
Jakob Hansonis
Markus Maria Jansen
Alfred Kritzer
Breiti Kuddel
Andy Meurer
Herwig Mitteregger
Gaggy Mrotzek
W. Münchhausen
Henny Nachtsheim
Ali Neander
Peter Osterwald
Mike Pelzer
Mateng Pollkläsener
Ullrich Pollkläsener
Rio Reiser
Armin Rühl
Sabine Sabine
Stefan Walkau
u.v.a.

Texte

Keine

Anmerkungen | Sonstiges

"Diese Doppel-CD ist ein Live-Dokument des 5. Anti-WAAhnsinns-Festivals vom 26./27. Juli 1986 in Burglengenfeld." [Quelle: Booklet, Seite 5]
"Künstler gegen WAAhnsinn" [Quelle: Booklet, Seite 16] "Sie haben die Festung - wir haben das Fest" (Helmut Ruge) [Quelle: Back-Cover | Innenseite]

Seltenheitsgrad

- selten zu finden

PatrickSamstag, 10. Oktober 2020/waahnsinn, 5, inch, 2007, 5099951181826, eu, digital, remaster

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