EIN FANPROJEKT VON PATRICK MÜLLER.

WOLF MAAHN | SAMMLERPAGE

DIE ANLAUFSTELLE ZUM DEUTSCHROCKER WOLF MAAHN

 

Protestsongs.De | 5-Inch | 2011 | 2201 | - unknown - | Beilagen CD

25. Mai 2010 10. März 2019 Patrick

Cover

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EAN-Code

9783938818237

Matrix

2100003282361 www.kodex-media.de
2100003282378 www.kodex-media.de

Plattenfirma

bpb: Bundeszentrale für politische Bildung

Cover-Box

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Booklet

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ZUR GESCHICHTE DES DEUTSCHSPRACHIGEN PROTESTSONGS: EINE EINFÜHRUNG

Die Lichter gehen an, JUDITH HOLOFERNES steht im Rampenlicht. Trägt sie auch nur eine schluffige Hose und ein schlabbriges T-Shirt, das aussieht, als hätte sie es seit Tagen an, so ist sie doch die Sängerin von WIR SIND HELDEN, einer der erfolgreichsten deutschen Bands der letzten Jahre. Sie greift in die Saiten ihrer Gitarre und singt: "Meine Stimme gegen die der ganzen Talkshow-Nation, meine Fäuste für ein müdes Halleluja und Bohnen. Meine Zähne gegen eure zahme Revolution, Visionen gegen die totale Television." Von den zahlreichen erschienen Konzertbesuchern singt - zumindest in den vorderen Reihen - fast jeder zweite mit. Ein Junge mit Rastas und Armeehosen wirkt, als wäre er Globalisierungsgegner und gerade von einer Anti-G8-Demo zurück. Ein anderer in Jeans und schwarzem Hemd scheint eher schon länger Medizin oder Jura zu studieren. Die drei Mädchen mit den kleinen Handtaschen weiter vorn, die sich einträchtig über die Absperrung lehnen, sind vielleicht noch Schülerinnen. Sie alle können es auswendig: "Guten Tag, guten Tag, ich will mein Leben zurück. Guten Tag, ich gebe zu ich war am Anfang entzückt, doch euer Leben zwickt und drückt nur dann nicht, wenn man sich bückt." Es handelt sich um "Guten Tag" aus dem Jahr 2002, den ersten Hit der "HELDEN", wie sie unter Fans heißen - ein Lied, das zunächst keine Plattenfirma haben wollte, das aber dann so oft bei einem Berliner Radiosender hoch und runter lief, bis WIR SIND HELDEN doch noch groß heraus kamen. "Guten Tag" ist ein berühmter Song geworden, der zeigt, dass Konsumkritik nicht gerade eben erst erfunden wurde, aber immer noch die besseren Argumente hat. Und der Song ist einer der jüngsten Beweise dafür, dass sich der deutsche Propestsong bester Gesundheit erfreut. Keine Spur von langhaarigen Müslis, die die Welt retten wollen, keine Spur von nörgelnder Besserwisserei und Lagerfeuerromantik: Der deutschsprachige Protestsong hat sich, wenn man ihn nicht dogmatisch definiert, immer mit dem musikalischen Zeitgeist entwickelt. Und er ist heute begehrter denn je.

Überlegungen wie diese waren es, die uns dazu antrieben, die Anthologie "Protestsongs" zusammenzustellen - und die uns zunächst in tiefe Verzweiflung stürzten. Bald hatten wir an die 200 Titel zusammengetragen, alle "unverzichtbar", versteht sich. Genug für eine Box mit zehn CDS, genug um ein Produkt auf den Markt zu bringen, das keiner kaufen geschweige denn anhören würde. Wir sahen ein: Würde man von der so genannten "Minimaldefinition" des Protestsongs ausgehen, nach der sich dieser gegen eine Autorität richtet und meist soziale oder politische Missstände thematisiert, so müsste man im Grunde bei seiner Entstehung im 19.Jahrhundert beginnen, etwa mit einer Interpretation des Weberlieds "Das Blutgericht", dieser "kühnen Parole des Kampfes" (KARL MARX), das 1844 entstand und als erstes deutsches Arbeiterlied gilt. Man müsste Lieder aus der Zeit der Reichsgründung 1870/71 aufnehmen und des "Spartakus-Aufstandes" 1919. Lieder gegen den Nationalsozialismus wie die berühmten "Moorsoldaten" wären nicht entbehrlich.

So entschieden wir uns, an das schwierige und in der Literatur kaum behandelte Thema so heranzugehen: Mit Mut zur Lücke und mit Humor. Wir setzen einen künstlichen Zeitrahmen, vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute, und wir entschieden, eine CD dem Protestsong vor und eine CD dem Protestsong nach 1989 zu widmen. Trotz zeitaufwändiger Streitereien mit den Lizenzabteilungen großer Plattenfirmen versuchten wir, die meisten wichtigen Liedermacher und Bands zu berücksichtigen und wenige Lieder, die Geschichte machten, auszulassen. Dass dabei auch unser subjektiver Geschmack und eigene Werthaltungen eine Rolle spielten, versteht sich ganz von selbst. Wer will schon ohne Not Protestsongs wie die der frühen BÖSEN ONKELZ verbreiten, nur weil der Protestsong qua Definition nicht links sein muss?

Und schließlich wollten wir auch den Unterhaltungswert dieser CD nicht außen vor lassen - denn auch der Protestsong ist, so denken wir, eine Form von Populärkultur, die um den Hörer buhlen muss. So schafften es ein paar Titel auf die CD, die sich eines bestimmten Jargons bedienen, nicht um etwas zu verändern, sondern um es in die Charts zu schaffen. Auch sind Titel vertreten, die Zweifel an der Wirksamkeit des Protestsongs formulieren und ironisch mit linkem Jargon, übereifrigem Engagement und politischer Korrektheit umgehen.

Aber von vorn. Würde man alle Lieder gegen den Nationalsozialismus und gegen den Zweiten Weltkrieg kompilieren, man bekäme es mit einem eigenen Projekt zu tun. Wir haben uns für einen einzigen Song entschieden, der fast in Vergessenheit geraten ist: Die Anti-Hitler Version von "LILI MARLEEN" (1944), die von der englischen BBC in Auftrag gegeben und mit der nach England emigrierten deutschen Sängerin und Schauspielerin LUCIE MANNHEIM aufgenommen wurde. Nach Kriegsende hatten die Deutschen aus nachvollziehbaren Gründen vom gemeinsamen Singen und Skandieren zunächst einmal die Nase voll, es ist in diesem Zusammenhang von "Schweigezeit" und "ideologiekritischer Gesangsverweigerung" gesprochen worden. Wir haben uns entschieden, ein Lied aufzunehmen, das zeigt, wie sehr die Tradition des AgitProp in der DDR weiterlebte: ERNST BUSCHS, "No Susanna" (1952) - ein eher politisches Lied zu Propagandazwecken für die entstehende DDR, das mit seiner Polemik gegen Rüstung und Krieg eindrücklich demonstriert: Während im Westen schon wieder aufgerüstet wurde und Forderungen nach Entnazifizierung schnell von denen nach wirtschaftlichem Aufschwung verdrängt wurden, wurden in der Sowjetischen Besatzungszone Betriebe von "Kriegs- und Naziverbrechern" enteignet. Warum sollte ein Protestsong gegen Rüstung und Krieg inhaltlich wertloser sein, nur weil er für die Zwecke eines Staates geschrieben wurde?

Weiterhin finden sich auf dieser CD zwei Lieder aus den fünfziger Jahren in Westdeutschland, die gegen die Bewältigung der Kriegsfolgen protestierten, dagegen, dass diese nicht durch eine breite Auseinandersetzung mit den Kriegsursachen begleitet worden waren - gegen eine neue deutsche Gemütlichkeit und Selbstzufriedenheit. Das "Lied vom Wirtschaftswunder" (1956) von WOLFGANG NEUSS, das scharf die immer dicker werdenden "deutschen Bäuche" angreift und die unbestraften Nazis, die jetzt schon "ihre Memoiren schreiben", ist eher der Tradition des politischen Kabaretts zuzuordnen als der des klassischen Protestsongs. Und bei dem Lied "Konjunktur Cha Cha" (1960) des HAZY OSTERWALD SEXTETTS, das sehr viel harmloser das Verschwinden der inneren Werte beklagt, "die man gratis kriegt, wenn man Straßenkreuzer fährt", handelt es sich wohl vielmehr um eine außergewöhnlich politische Variante des ansonsten eher braven Nachkriegsschlagers.

Es sind wohl nur die Liedermacher der siebziger Jahre, die Protestsongs hervorbrachten, "wie sie im Buch stehen" - Lieder wie FRANZ JOSEF DEGENHARDTS "Irgendwas mach ich mal" (1968) oder HANS - DIETER HÜSCHS "Marsch der Minderheit" (1970) und HANNES WADERS "Trotz alledem" (1967), aber natürlich auch KONSTANTIN WECKERS "(Es herrscht wieder) Frieden im Land" (1977), der oft als Epigone bezeichnet wird, weil er Protestsongs salonfähig machte - oder eben HANS SÖLLNER, der mit seinem "Hey Staat" (1989) dem klassischen Protestsong einen scharfen, bayrischen Ton hinzugefügt. Diese typischen Liedermacher mit ihren mustergültigen Protestsongs, zu denen auch auf dieser CD nicht vertretene wie DIETER SÜVERKRÜP und zahlreiche andere gehören, beriefen und berufen sich vor allem auf den frühen Hillybilly-Folk in den USA, erzählend-balladenhafte und von der akustischen Gitarre begleitete Sololieder. Sie orientierten sich am singenden Wander- und Saisonarbeiter WOODY GUTHRIE und an PETE SEEGER in den dreißiger und vierziger Jahren, an BOB DYLAN, JOAN BAEZ, JONI MITCHELL in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren, aber auch an engagierten französischen Chansons wie denen von JULIETTE GRECO oder von GEORGES BRASSENS, an Arbeiterliedern, Liedern der russischen Revolution, an Texten überlieferter Gassenhauer und Trinklieder und vereinzelt sogar an Lyrik der mittelalterlichen Troubadours oder Minnesänger.

Diese Songs sind Protestsongs, wie man sie sich vorstellt, mit denen man diese CD hätte eröffnen können, wäre man an dieses Thema orthodoxer herangegangen. Sie rufen zu Solidarität unter den Arbeitern auf, zu einer gemeinsam zu erkämpfenden besseren Welt. Ihre Songs können als Ausdruck der neu geborenen Protestbewegungen in der Bundesrepublik gelten. Ausgelöst durch den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetzgebung signalisierten Mitte der sechziger Jahre die ersten Studentenproteste den Beginn einer gesellschaftlichen Krise, es kam zu ersten Demonstrationen im Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds, Sit-Ins, Forderung nach studentischer Mitbestimmung an den Hochschulen, Entstehung der Außenparlamentarischen Opposition. Doch ab 1970 zerfiel die Studentenbewegung, auch, weil die gesellschaftlichen Reformen dem Protest den Wind aus den Segeln nahm. Mit dem Niedergang der Revolte entschieden sich viele für alternative Lebensformen - die Sponti- und Hausbesetzerszene fand viele unbekannt gebliebene Protagonisten wie DAVE CORNER, der auf dieser CD mit seinem Song "Hausdurchsuchung" leider nicht vertreten ist, aber auch ein in ihrer Allgemeingültigkeit bis heute als Vorbild für die deutschsprachige Popmusik geltendes Sprachrohr - die Kreuzberger Anarcho-Rock TON STEINE SCHERBEN, bei denen es oft um West-Berliner Konflikte wie Hausbesetzungen ging. Wir haben uns in diesem Rahmen für ihren bekanntesten Song entschieden: "Keine Macht für Niemand".

Die inhaltlichen Forderungen der antiautoritären Bewegung lebten in ausdifferenzierter Form in den Bürgerinitiativen fort. Auch die Protestsongs verlieren an Allgemeinheit und Radikalität und kaprizieren sich auf einzelne Missstände. Die drei großen Themen in den Protestsongs der siebziger und achtziger Jahre: Kalter Krieg, Umweltverschmutzung und Atomkraft und Benachteiligung der Frau. So sang UDO LINDENBERG in "Wir wollen doch einfach nur zusammen sein" (1973) über die unmögliche Liebesbeziehung zweier junger Menschen aus Ost und West, NICOLE baute in ihrem Schlager "Ein bisschen Frieden" (1982), mit dem sie immerhin den Grand Prix d'Eurovision gewann, vorsichtige Kritik ein und NENA hatte mit ihrem Hit "99 Luftballons" (1982) auch deshalb weltweit Erfolg, weil sie ihn ebenfalls auf Englisch einsang. INA DETER wurde durch ihren Song "Neue Männer braucht das Land" (1984) zum Star der Neuen Deutschen Welle. Der Song "Deshalv Spill mer he" (1984) bescherte der Kölner Gruppe BAP kurz vor Antritt ihrer Tournee durch die DDR ein Auftrittsverbot. Der Maler und bildende Künstler JOSEPH BEUYS schwang für einen Wahlwerbespot der Grünen unbeholfen das Mikrophon und sang dazu "Sonne statt Reagan" (1982) und WOLF MAAHN schrieb direkt nach dem Reaktorunglück in der Ukraine sein Lied "Tschernobyl", um es gleich darauf mit der "Speerspitze" der damaligen deutschen Rockszene (ALPHAVILLE, HERBERT GRÖNEMEYER, ANNE HAIGIS, KLAUS LAGE und anderen) einzuspielen.

Aus diesen Protestsongs stechen eindeutig drei Lieder heraus: Der Song "Dupscheck" (1973) des Komikers OTTO WALKES, das Lied "Hey Punk" (1981) der Punkgruppe SLIME und ANDREAS DORAUS Song "Demokratie" (1989). Während sich OTTO als einer der ersten mit seiner blödelnden Art über die politische Ernsthaftigkeit der engagierten Linken lustig macht und einfach die Namen ihrer revolutionären Helden zu einem völlig sinnentleerten Kanon montiert, greifen SLIME zum ersten Mal seit den Songs der Liedermacher nicht nur auf Einzelforderungen zurück, sondern wieder auf eine radikalere Verweigerungshaltung: Ganz im Sinne von Punk wenden sie sich nicht nur gegen einen Teilbereich sozialer Missstände, sondern gegen die Gesellschaft im Allgemeinen und schimpfen generell auf alles, was ihnen auf die Schnelle einzufallen scheint: Gegen Faschismus, die BILD-Zeitung, dass "Scheißsystem", die "Vollidioten". Andreas Dorau, einer der ersten Protagonisten der neuen Deutschen Welle, protestiert nur noch gegen den heiligen Ernst seiner großen Brüder, die Punks. Als wolle er die Langeweile der achtziger Jahre und der Kohl-Ära auf den Punkt bringen, beschreibt er Demokratie ironisch als abstraktes Etwas, das den Einzelnen nur lähme und hilflos mache.

Was sich als großes Problem bei der Auswahl der Songs für die CD herausstellte, war der Anspruch, auch Protestsongs aus der DDR aufzunehmen. Anders als in der Bundesrepublik wurden in der DDR die Protestbewegungen anfangs kaum von Musikern begleitet. Die einzigen Protestsongs, die es vor den Achtzigern gab, waren politische Lieder wie das erwähnte von ERNST BUSCH und DDR-Rock nach angloamerikanischem Vorbild. Diese so genannte Beatmusik, wie sie seit den fünfziger Jahren in der DDR populär war, war nur insofern rebellisch, als dass die Regierenden der DDR eine Zeitlang versuchten, diese "Monotonie des Yeah, Yeah, Yeah", diesen "Dreck, der aus dem Westen kommt" (WALTER ULBRICHT im Jahre 1965) zu verbieten. Als dies scheiterte, wurde sie durch die "Freizeitkulturförderung" der FDJ, der Freien Deutschen Jugend, vereinnahmt. Auf dieser CD ist schlicht deshalb kein Beatstück der subversiven Phase vertreten, weil sich keines mit einem deutschsprachigen Text finden ließ.

Der 17. Juni 1953, der offene Aufstand Hunderttausender gegen das SED-Regime, die Aufstände in Polen und Ungarn 1956, die Solidarisierung vieler Künstler mit der Demokratiebewegung in der Tschechoslowakei 1968: All diese Ereignisse finden keinen Niederschlag in der Musik der DDR. Erst nach der Ausbürgerung des Liedermachers WOLF BIERMANN im Jahr 1967 und der darauf reagierenden Protestpetition, die von 13 namhaften Künstlern unterzeichnet wurde, erhielt Widerspruch Einzug in die Musik der DDR. Neben WOLF BIERMANN und STEFAN KRAWCZYK, die auf dieser CD aus organisatorischen Gründen nicht vertreten sind, war es vor allem BETTINA WEGNER, die Inhalte der erstarkenden Bürgerbewegung in der DDR in den achtziger Jahren in ihren Liedern aufnahm: Abrüstung zum Beispiel, aber auch die Änderungen der Energie-, Umwelt-, und Bildungspolitik. Das für diese CD ausgesuchte Lied "Von Deutschland nach Deutschland" (1986) erzählt davon, wie die DDR bis in die achtziger Jahre hinein in jegliche Proteste reagierte und versuchte, intellektuelle und oppositionelle Kreise systematisch durch Verhaftungen und Ausweisungen auszubluten. Auch BETTINA WEGNER verlies die DDR und besingt in ihrem Lied ihre so entstandene Wurzellosigkeit.

In den neunziger Jahren gibt es in den neuen Bundesländern leider nicht allzu viel zu vermeiden. Auf dieser CD sind vier Protestsongs ausgesucht: "Willkommen Deutschland" (1994) von den LINKSSENTIMENTALEN TRANSPORTARBEITERFREUNDEN, "Born in the GDR" (1989) von SANDOW und "Bakschischrepublik" (1989/1990) von HERBST IN PEKING sind vielleicht insofern mit den westdeutschen Protestsongs gegen den Protestsong vergleichbar, als dass sie gegen das Gejammer vieler Ostdeutscher polemisieren, die meinen, sie seinen immer zu kurz gekommen. Trotzdem litten und leiden die Musiker dieser Bands bis heute unter einer gewissen Ortlosigkeit - der Gegner, gegen den der berühmte Kassettenunderground und Punk in der DDR ansingen konnten, gehört für immer der Vergangenheit an. So beschreibt auch das Lied "ich mache meinen Frieden" (1993) von GERHARD GUNDERMANN paradigmatisch die Schwierigkeiten vieler Ostdeutscher, gegen etwas anzurennen, das eine nicht umkehrbare historische Entwicklung zu sein scheint: gegen den Untergang der DDR.

In den alten Bundesländern lassen sich in den Neunzigern drei Arten des Protestsongs unterscheiden: Der erste protestiert gegen den Habitus des Protestsongs selbst, gegen linke Jargongs, Ernsthaftigkeit, Schwarz-Weiß-Malerei - eine Polemik, wie sie OTTO WAALKES bereits 1973 vorweggenommen hat. Dazu gehören "CDU" (1990) von ROCKO SCHAMONI, "Die Herrn Politiker" (1991) von HELGE SCHNEIDER, "ihr lieben 68er" (2001) von PETER LICHT und "Kapitalismus" (2002) von FUNNY VAN DANNEN. Politische Gegner oder gesellschaftliche Missstände scheint es für diese Songs schon deshalb nicht zu geben, weil man gar nicht wüsste, wie man diese kritisieren könnte, ohne sich dabei lächerlich zu machen. Die zweite Art Protestsongs, die auf dieser CD vertreten sind, umgeht die Schwierigkeit, indem sie nicht mehr gegen politische Gegner oder politische Missstände angeht, sondern gegen die Auswirkungen dieser auf das einige, kleine private Leben. Zu diesen Protestsongs gehören "Wo bleibt der Mensch" (1996) von den LASSIE SINGERS, "Risikobiographie" (1996) von den STERNEN und "Das Unglück muß zurückgeschlagen werden" (1999) von TOCOTRONIC.

Und schließlich gibt es in den Neunzigern eine Art Protestsong, die politisches Engagement nie aufgegeben hat. Meist geht es in diesen Songs um den wieder erstarkenden Rassismus im wiedervereinigten Deutschland: Neben den GOLDENEN ZITRONEN aus Hamburg, die hier mit ihrem Song "Das bisschen Totschlag" (1994) auf den 1992 in Mölln von Neonazis verübten Brandanschlag reagierten, bei dem drei Türkinnen ums Leben kamen, haben wir das Lied "Schrei nach Liebe" (1993) von DIE ÄRZTE gewählt, in dem ein fiktiver Rechtsextremist beschimpft wird. In den neunziger Jahren verschaffte sich aber auch erstmals die zweite Generation von Einwanderern in der Popkultur Gehör. So handeln die Songs "Fremd im eigenen Land (1992) von ADVANCED CHEMISTRY, "Alles Lüge" (2001) von AFROB, "Mägde und Knechte" (2002) von XAVIER NAIDOO und "Adriano" (2001) von den BROTHERS KEEPERS vor allem von der Wurzelsuche in einem Land, in dem man zwar aufgewachsen ist, aber ebenso wenig willkommen zu sein scheint, wie in dem, das einmal die Heimat der Eltern war.

Es ist wohl auch dieser Bereicherung der deutschsprachigen Popkultur durch die Kinder der Migranten und liberalen Eltern zu verdanken, dass Politik in der deutschsprachigen Popkultur heute wieder groß geschrieben ist. JAN DELAY, der heute als größte Charismatiker des deutschsprachigen Hip Hop gehandelt wird, als Wirkungsästhet mit Bildungsauftrag, ist hier mit seinem Lied "Söhne Stammheims"(2001) vertreten, einem interessanten Blick auf das Verschwinden des Terrorismus und der neuen Selbstzufriedenheit heute. Übrigens ist JAN DELAY ohne Cola und TV als Kind "ziemlich strenger Hippies" in einem halbesetzten Haus im Hamburger Stadtteil Eppendorf groß geworden - so wie eingangs erwähnte JUDITH HOLOFERNES, die Sängerin von WIR SIND HELDEN, die in Berlin und Freiburg zwischen Kinderläden und Stadtbauernhöfen aufwuchs. Vielleicht sind es die Kinder der Einwanderer und der Unangepassten, die den deutschsprachigen Protestsong auch in Zukunft immer weiterentwickeln werden. Vielleicht aber auch die Musiker aus dem Umfeld des Berliner Plattenlabels Aggro Berlin - hier vertreten durch den Song "Augen auf" (2008) von SIDO - jener Avantgarde der Härte, die seit wenigen Jahren die Nation mit obszönen und blutigen Texten schocken, Verrohungsdebatten und Indizierungen provozieren und ebenso wenig vor frauenfeindlichen Äußerungen zurückschrecken wie vor der Anklage sozialer Missstände, wie sie selten brutaler auf den Tisch gekommen ist.

Tracklist

1-1 | Guten Tag | Wir Sind Helden [2002]
1-2 | Schrei nach Liebe | Die Ärzte [1993]
1-3 | Das bißchen Totschlag | Die Goldenen Zitronen [1994]
1-4 | Das Unglück muss zurückgeschöagen werden | Tocotronic [1999]
1-5 | Risikobiographie | Die Sterne [1996]
1-6 | Söhne Stammheims | Jan Delay [2001]
1-7 | Adriano | Brothers Keepers [2001]
1-8 | Augen Auf | Sido [2008]
1-9 | Mägde und Knechte | Xavier Naidoo [2001]
1-10 | Mägde und Knechte | Xavier Naidoo [2002]
1-11 | Fremd im eigenen Land | Advanced Chemistry [1992]
1-12 | CDU | King Rocko Schamoni [1991]
1-13 | Ihr lieben 68er | Peter Licht [1999]
1-14 | Die Herrn Politiker | Helge Schneider [1991]
1-15 | Wo bleibt der Mensch | Lassie Singers [1996]
1-16 | Kapitalismus | Funny van Dannen [2002]
1-17 | Ich mache meinen Frieden | Gundermann [1993]
1-18 | Willkommen Deutschland | Linkssentimentale Transport-Arbeiterfreunde [1994]
1-19 | Ich such die DDR | Feeling B 1991]
1-20 | Bakschischrepublik | Herbst in Peking [1990]
1-21 | Born in GDR | Sandow [1989]
2-1 | Demokratie | Andreas Dorau [1988]
2-2 | Hey Staat | Hans Söllner [1988]
2-3 | Tschernobyl (Das Letzte Signal) | Wolf Maahn [1986]
2-4 | Von Deutschland nach Deutschland | Bettina Wegner [1986]
2-5 | Deshalv Spill Mer He | BAP [1984]
2-6 | Karl der Käfer | Gänsehaut [1983]
2-7 | 99 Luftballons | Nena [1983]
2-8 | Besuchen Sie Europa (solange es noch steht) | Geier Sturzflug [1983]
2-9 | Ein bisschen Frieden | Nicole [1982]
2-10 | Sonne statt Reagan | Joseph Beuys [1982]
2-11 | Neuen Männer braucht das Land | Ina Deter [1982]
2-12 | Hey Punk | Slime [1981]
2-13 | (Es herrscht wieder) Frieden im Land | Konstantin Wecker [1977]
2-14 | Trotz alledem | Hannes Wader [1976]
2-15 | Wir wollen doch einfach nur zusammen sein | Udo Lindenberg [1973]
2-16 | Dupscheck | Otto [1973]
2-17 | Keine Macht für Niemand | Ton Steine Scherben [1972]
2-18 | Marsch der Minderheit | Hanns-Dieter Hüsch [1970]
2-19 | Irgendwas mach ich mal | F. J. Degenhardt [1968]
2-20 | Konjunktur Cha Cha | Hazy Osterwald Sextett [1960]
2-21 | Chanson vom Wirtschaftswunder | Wolfgang Neuss [1956]
2-22 | No Susanna | Ernst Busch [1952]
2-23 | Lili Marleen | Lucie Mannheim [1944]

Texte

- Keine -

Anmerkungen | Sonstiges

Die CDs und und das Cover befinden sich in einem zweifach aufklappbaren Pappcover.
Der Sub-Titel des Release lautet "Eine Kreuzfahrt durch die geschichte des deutschsprachigen Protestsongs".
Diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar. Für die inhaltlichen Aussagen tragen die Autorinnen und Autoren die Verantwortung. [Quelle: Pappcover, Innenseite]
Konzept und Idee: George Lindt; Redaktion: Susanne Messmer; Zusammengestellt von: Susanne Messmer / George Lindt; Produzent: George Lindt; Mastering: Audion-X, Guido Fricke; Gestaltung: formdusche [Quelle: Pappcover, Innenseite]

Seltenheitsgrad

- sehr selten zu finden


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